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Die Regeln vom Chlodwigplatz

Aylin, 27 · Köln

Regel eins: keine Übernachtung unter der Woche. Regel zwei: Wer sich in jemand anderen verliebt, sagt es sofort. Regel drei: Keine Familienfeiern, keine Freunde vorstellen, keine Fotos auf Instagram. Regel vier: Sonntag gehört uns, außer einer von beiden sagt bis Freitag ab. Regel fünf: Kein Drama.

Aylin hatte die Regeln auf die Rückseite eines Kassenbons geschrieben, im Café am Chlodwigplatz, an ihrem zweiten Treffen mit Jonas. Er hatte laut gelacht, sich den Kuli genommen und eine sechste darunter gesetzt: „Wer kocht, muss nicht spülen.“

Das war vor vier Monaten gewesen.

Angefangen hatte es mit einer Anzeige, die Aylin an einem Mittwochabend geschrieben hatte, nach vierzehn Stunden im Labor, mit Rückenschmerzen und dem Gefühl, dass ihr Leben nur noch aus Proben, Messreihen und einer Doktormutter bestand, die E-Mails um halb zwölf nachts verschickte.

„Sie sucht Ihn – für Freundschaft plus. Doktorandin, 27, forscht über Seegraswiesen und hat für eine Beziehung schlicht keine Zeit. Aber für gute Gespräche, gutes Essen und Nähe schon. Suche einen Mann, der ehrlich ist, weiß, was er will, und kein Drama braucht. Wer auf mehr hofft, bitte nicht melden – das ist kein Spiel, sondern Absicht.“

Die meisten Männer hatten den Teil mit „Freundschaft“ überlesen und nur das „plus“ gesehen. Jonas hatte beides gelesen. Seine Nachricht war nüchtern und freundlich: Er sei 30, Koch in einem kleinen Restaurant im Vringsveedel, arbeite von Dienstag bis Samstag bis Mitternacht und habe genau aus diesem Grund in drei Jahren keine Beziehung länger als ein paar Monate durchgehalten. „Sonntag und Montag habe ich frei. Das ist nicht viel, aber es ist ehrlich.“

Sie trafen sich an einem Sonntagvormittag am Chlodwigplatz, unter der Severinstorburg. Aylin kam mit dem Rad aus Sülz, Jonas zu Fuß aus der Merowingerstraße. Er war kleiner, als sie gedacht hatte, mit kurz rasierten Haaren, einer Brandnarbe am Unterarm und einer Art, beim Zuhören den Kopf leicht schief zu legen, die sie sofort mochte. Sie tranken Kaffee, dann liefen sie hinunter zum Rhein, am Rheinauhafen entlang, unter den Kranhäusern durch, bis zum Schokoladenmuseum und wieder zurück. Sie redeten drei Stunden, fast ausschließlich über Arbeit. Über Seegras, das mehr Kohlenstoff speichert als viele Wälder, und über die Kunst, eine Jus so lange einzukochen, bis sie glänzt wie Lack.

Beim zweiten Treffen schrieben sie die Regeln. Beim dritten kochte er für sie.

Es wurde zu einem Ritual, schneller, als beide es geplant hatten. Sonntags gegen elf trafen sie sich am Chlodwigplatz, holten Croissants beim Bäcker an der Severinstraße und liefen zum Rheinufer. Wenn es regnete, saßen sie im Café und lasen Zeitung, jeder seine, und tauschten nur die interessantesten Artikel. Wenn die Sonne schien, setzten sie sich auf die Treppenstufen am Rheinauhafen, sahen den Schiffen zu, und Aylin erklärte ihm, warum der Rhein, trotz allem, kein totes Gewässer mehr ist.

Am Nachmittag gingen sie zu ihm. Seine Wohnung war klein, zwei Zimmer im dritten Stock, mit einer Küche, die für eine Wohnung dieser Größe absurd gut ausgestattet war: Kupfertöpfe, ein Messerblock, auf den er stolzer war als auf alles andere, Kräuter auf der Fensterbank. Er kochte für sie Dinge, die sie nie selbst gekocht hätte. Risotto mit Roter Bete. Einen Schmorbraten, der fünf Stunden im Ofen blieb – fünf Stunden, in denen sie nebenan im Bett lagen, während die ganze Wohnung nach Rotwein und Lorbeer duftete. Einmal, an einem kalten Sonntag im Oktober, einfach nur Linsensuppe, wie seine Oma im Bergischen sie gemacht hatte.

Die Nähe zwischen ihnen war unkompliziert. Das war das Erstaunliche. Aylin hatte gedacht, Freundschaft plus würde sich billig anfühlen oder kühl, aber das tat sie nicht. Es war eher wie bei zwei Leuten, die sich ohne große Worte darauf geeinigt hatten, einander gut zu behandeln. Er war aufmerksam und zärtlich, und er lachte im Bett, was sie bei keinem Mann vorher erlebt hatte. Und wenn es dunkel wurde, fuhr sie mit der Bahn nach Hause, weil am Montag um acht das Labor wartete, und das war in Ordnung. Das war die Abmachung.

Sie hielten sich an die Regeln. Fast immer. Einmal hatte er ihr Kuchen für ihre Kollegen mitgegeben, als sie vor einer Deadline für ein Paper stand, und sie hatte im Labor gesagt, der sei von „einem Freund“. Einmal hatte sie ihm um zwei Uhr nachts geschrieben, nach einem Streit mit ihrer Doktormutter, und er hatte sofort angerufen, obwohl er gerade die Küche putzte. Keine Regel verbot das. Aber keine Regel sah es auch vor.

Ende Oktober hatten sie die Regeln schon einmal überprüft, halb im Scherz. Aylin hatte ihn gefragt, ob er in den letzten Wochen jemand anderen getroffen habe, und er hatte geantwortet: „Zwei Dates. Beide Male habe ich nach einer Stunde an Linsensuppe gedacht.“ Sie hatten beide gelacht, und sie hatte nicht weiter nachgefragt. Später, in der Bahn, war ihr aufgefallen, dass sie selbst seit dem Sommer niemanden mehr getroffen hatte. Nicht aus Treue, einfach weil sie keine Lust gehabt hatte. Sie hatte beschlossen, dass das nichts zu bedeuten habe. Sie war Wissenschaftlerin. Eine einzelne Beobachtung war noch kein Befund.

Im Dezember kam die Nachricht, auf die Aylin zwei Jahre gewartet hatte: Sie bekam einen Platz auf einer Forschungsfahrt. Sechs Wochen, Kanaren und Azoren, Seegraswiesen kartieren, Sedimentproben nehmen. Sie hätte vor Freude schreien können. Und dann, eine Sekunde später, dachte sie an die Sonntage.

Sie sagte es ihm am Rheinufer, auf den Stufen, an einem grauen Nachmittag, an dem der Fluss braun und schnell war.

„Sechs Wochen“, sagte Jonas. „Das ist gut. Das ist richtig gut, Aylin. Das wolltest du doch immer.“

„Ja.“

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Sie schwiegen eine Weile. Ein Frachtschiff aus Rotterdam fuhr vorbei, flussaufwärts, schwer beladen.

„Wir müssen über die Regeln reden“, sagte sie dann.

„Welche?“

„Alle. Ob sie noch passen.“

Er zog den Kassenbon aus seinem Portemonnaie. Sie hatte nicht gewusst, dass er ihn aufbewahrt hatte. Er war zerknittert, die Schrift verblasst, aber noch lesbar. Aylin sah ihn an, und etwas in ihrer Brust zog sich zusammen, auf eine Art, die in keiner der sechs Regeln vorkam.

„Regel zwei“, sagte Jonas. „Wer sich in jemand anderen verliebt, sagt es sofort.“

„Ja.“

„Da steht nichts davon, was passiert, wenn man sich in den anderen verliebt.“

Aylin sah auf das Wasser. Sie hätte jetzt etwas Leichtes sagen können, einen Witz, irgendetwas, das den Moment kleiner macht. Sie tat es nicht. Kein Drama, hatten sie sich versprochen. Aber kein Drama hieß nicht, dass man lügen durfte.

„Ich weiß nicht, ob ich verliebt bin“, sagte sie. „Ich weiß nur, dass ich auf dem Schiff an Sonntage denken werde. Und dass mir das Angst macht, weil ich immer noch keine Zeit habe. Daran hat sich nichts geändert.“

„An meinen Arbeitszeiten auch nicht“, sagte er ruhig. „Ich will dich nicht überreden. Ich wollte es nur einmal ausgesprochen haben.“

Sie nickte. Dann nahm sie ihm den Kuli aus der Jackentasche, wo er immer einen stecken hatte, für Bestellzettel, und schrieb unter die sechste Regel eine siebte: „Nach der Rückkehr: neu verhandeln. Ehrlich.“

Jonas las es, dann lachte er leise. „Das ist die erste Regel, die nach Zukunft klingt.“

„Das ist keine Zukunft“, sagte Aylin. „Das ist ein Termin.“

„Bei mir ist das dasselbe.“

Am Abend kochte er Linsensuppe, ohne dass sie darum gebeten hatte. Sie blieb bis Mitternacht, obwohl es Sonntag war und am Montag das Labor wartete, und keiner von beiden erwähnte, dass damit, streng genommen, Regel eins wackelte. Als sie ging, hielt er sie an der Wohnungstür fest, länger als sonst, das Gesicht in ihrem Haar.

Drei Tage später stand Aylin an Deck eines Forschungsschiffs vor Teneriffa, den Wind im Gesicht, und hatte den Kassenbon in der Innentasche ihrer Jacke. Sie wusste nicht, was sie nach sechs Wochen neu verhandeln würden. Sie wusste nur, dass sie es ehrlich tun würden, und dass das mehr war, als sie von den meisten Beziehungen kannte, die sich Beziehung genannt hatten.

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