Wer frei hat, nimmt die 62
Svenja, 34 · Hamburg
Die Nachricht kam um 16:12 Uhr, als Svenja gerade die Schuhe auszog. „Tausch mit Merle klappt doch. Du hast heute frei. Danke dir!!!“ Drei Ausrufezeichen, ein Herz. Svenja stand in ihrer Wohnung in Eppendorf, einen Turnschuh in der Hand, und begriff erst nach ein paar Sekunden, was das bedeutete. Kein Nachtdienst auf der Intensivstation. Keine zwölf Stunden zwischen Monitoren, Perfusoren und Angehörigen, die auf dem Flur leise telefonieren. Einfach ein Abend, der ihr gehörte.
Sie hatte keine Ahnung, was sie damit anfangen sollte.
Seit elf Jahren arbeitete sie am UKE, seit sieben auf der Intensiv. Sie liebte ihren Beruf, auch an den Tagen, an denen sie ihn verfluchte. Aber der Schichtdienst hatte ihr Leben in Stücke zerlegt, die nicht zu den Stücken anderer Leute passten. Wenn ihre Freundinnen samstags feierten, schlief sie. Wenn sie dienstags um zehn frei hatte und jemanden zum Frühstücken suchte, saßen alle im Büro. Ihre letzte Beziehung war nicht an einem Streit zerbrochen, sondern an einem Kalender.
Sie setzte sich aufs Sofa, klappte den Laptop auf und tat etwas, das sie noch nie getan hatte.
„Sie sucht Ihn – heute Abend, spontan. Intensivpflegerin, 34, Schichtdienst, hat überraschend frei und keine Lust, den Abend auf dem Sofa zu verschenken. Suche einen Mann, der jetzt Zeit hat und nicht erst nächste Woche. Hafen, Elbe, ein Getränk, ein ehrliches Gespräch. Keine Spielchen, ich habe nur diesen einen Abend.“
Sie las es zweimal, fand es zu direkt und ließ es trotzdem so. Um 17:03 Uhr war die Anzeige online.
Die ersten Antworten kamen von Männern, die „heute Abend“ offenbar als Einladung verstanden, die ersten beiden Stunden einfach zu überspringen. Svenja löschte sie ohne Groll. Wer auf einer Intensivstation arbeitet, lernt schnell zu sortieren.
Um 17:41 Uhr schrieb Henrik. „Moin Svenja. Ich fahre Schlepper im Hafen, hatte heute Frühschicht und bin seit drei Stunden an Land. Das mit den Kalendern kenne ich. Wenn du magst: 19 Uhr Landungsbrücken, Brücke 3. Wir nehmen die 62 und schauen, wohin der Abend fährt. Henrik, 39.“
Ihr gefiel dieses „Das mit den Kalendern kenne ich“. Ihr gefiel, dass er einen Treffpunkt vorschlug, an dem immer Leute sind, und eine Uhrzeit, die ihr noch Zeit zum Duschen ließ. Sie schrieb: „Brücke 3. Ich trage eine grüne Jacke.“
Um halb sieben saß sie in der U3 an der Kellinghusenstraße, die Haare noch feucht im Nacken. Die Bahn ratterte über die Hochbahnstrecke an der Isestraße entlang, tauchte später am Schlump unter die Erde, und hinter St. Pauli kam sie wieder ans Licht, und plötzlich lag unter ihr der Hafen: Kräne, Docks, die Elbe grau und glitzernd in der Abendsonne. Svenja wohnte seit fünfzehn Jahren in Hamburg und hatte diesen Anblick trotzdem vergessen gehabt.
Er stand am Anleger, die Hände in den Taschen einer dunkelblauen Arbeitsjacke, die er offenbar nicht für nötig gehalten hatte zu wechseln. Groß, breite Schultern, ein kurz geschnittener Bart mit ersten grauen Stellen, das Gesicht von Wind und Wetter gezeichnet, aber mit hellen, wachen Augen. Als er sie sah, hob er nur kurz die Hand, als würde er einem Kollegen auf der anderen Seite des Beckens zuwinken.
„Grüne Jacke“, sagte er. „Pünktlich. Das ist in unserem Beruf schon die halbe Miete.“
„In meinem auch“, sagte sie.
Die Fähre war voll mit Touristen, aber oben auf dem Deck fanden sie zwei Plätze an der Reling. Die 62 legte ab, schob sich an der Fischauktionshalle vorbei, am Dockland mit seiner schrägen Glasfassade, und Henrik zeigte ihr die Dinge, die man als Fahrgast übersieht: die Markierungen an den Dalben, die Lotsenboote, einen Containerfrachter, der drüben in Waltershof gerade abgefertigt wurde.
„Wenn so einer reinkommt“, sagte er, „dann hängen wir vorne und hinten dran und drücken ihn an die Kaimauer. Vierhundert Meter Schiff, und wir mit unseren dreißig Metern. Das ist ein bisschen wie Tanzen mit jemandem, der zweihundertmal schwerer ist als man selbst.“
„Klingt nach meinem Job“, sagte Svenja. „Nur dass meine Patienten nicht so gut zuhören.“
Er lachte, ein tiefes, unerwartet warmes Lachen, und sie merkte, wie etwas in ihren Schultern nachgab, das dort seit Wochen festgesessen hatte.
In Neumühlen stiegen sie aus. Der Strand von Övelgönne lag im goldenen Licht, die Leute saßen mit Flaschen im Sand, Kinder bauten Burgen, die niemand verteidigen würde, und vor der Strandperle stand eine Schlange, die bis zum Weg reichte. Henrik holte zwei Bier und eine Tüte Pommes, sie setzten sich weiter westlich ans Wasser, dort, wo es ruhiger wurde und der alte Findling im Sand liegt.
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Anzeigen in meiner NäheSie redeten über Nächte. Über die besondere Stille um vier Uhr morgens, die er vom Wasser kannte und sie vom Stationsflur. Über Kollegen, auf die man sich blind verlassen muss. Über die Angst, die man nicht zeigen darf, wenn es darauf ankommt, und die einen dann auf dem Heimweg im Bus erwischt. Henrik erzählte von einer Nacht im Sturm, als ein Schlepper vor Blankenese beinahe gekentert wäre, und Svenja erzählte von einem jungen Motorradfahrer, der drei Wochen nach seinem Unfall aufgewacht war und als Erstes nach seiner Mutter gefragt hatte.
Dann kam ein riesiger Containerfrachter die Elbe herauf, lautlos und langsam wie ein Gebäude, das sich verschoben hatte. Ein paar Minuten später liefen seine Wellen den Strand hoch. Die Leute sprangen lachend auf, Svenja nicht schnell genug, und das Wasser umspülte ihre Knöchel. Sie kreischte, Henrik zog sie hoch, und für einen Moment standen sie ganz nah voreinander, seine Hände an ihren Oberarmen, ihre nassen Schuhe im Sand.
„Das passiert allen, die zum ersten Mal hier sitzen“, sagte er.
„Ich sitz hier nicht zum ersten Mal.“
„Dann warst du abgelenkt.“
Sie sah ihn an. „Ja“, sagte sie. „War ich.“
Die Sonne ging hinter den Kränen unter, und der Himmel über Finkenwerder wurde erst orange, dann violett. Die Lichter der Terminals gingen an. Svenja fror ein bisschen in ihren nassen Schuhen, aber sie wollte nicht, dass der Abend endete.
„Ich wohne in Ottensen“, sagte Henrik. „Zwanzig Minuten zu Fuß. Ich hab trockene Socken und einen ziemlich guten Rum. Du kannst Nein sagen, und ich bring dich trotzdem zur Bahn.“
Sie mochte, dass er das so sagte. Ohne Druck, ohne Umwege. Genau so, wie sie es in ihrer Anzeige geschrieben hatte.
Sie stiegen die Treppen hinauf, vorbei an den kleinen Kapitänshäusern von Övelgönne mit ihren Vorgärten voller Rosen und alter Anker, dann durch stille Straßen bis nach Ottensen, wo in den Kneipen rund um den Spritzenplatz noch Leute draußen saßen. Henrik wohnte in einem Altbau in einer Seitenstraße, zweiter Stock, das Treppenhaus roch nach Bohnerwachs und irgendjemandes Abendessen.
Seine Wohnung war aufgeräumt auf eine Art, die man nur von Leuten kennt, die auf Schiffen gelernt haben, dass alles seinen Platz braucht. An der Wand hing eine alte Seekarte der Unterelbe, auf der Fensterbank stand ein Barometer. Er gab ihr ein Paar dicke Wollsocken, viel zu groß, und goss zwei Gläser ein. Sie setzte sich auf die Fensterbank, von der aus man zwischen zwei Dächern ein Stück Hafenlicht sehen konnte.
„Morgen hab ich wieder Nachtdienst“, sagte sie leise.
„Ich weiß. Und ich um sechs Uhr Schicht.“
„Dann haben wir nur heute.“
„Das hast du doch geschrieben“, sagte er und stellte sein Glas ab. „Nur diesen einen Abend.“
Er kam zu ihr ans Fenster. Sie legte die Hand an seinen Bart, der weicher war, als er aussah, und zog ihn zu sich. Der Kuss begann vorsichtig und wurde dann etwas, das keiner von beiden mehr vorsichtig nennen wollte. Irgendwo draußen tutete ein Schiff, lang und tief, als würde der Hafen selbst Bescheid geben.
Henrik griff über ihre Schulter und zog den Vorhang zu.
Am nächsten Morgen fuhr Svenja vom Bahnhof Altona aus nach Hause, in geliehenen Wollsocken und mit einem Lächeln, das sie selbst überraschte, als sie es in der dunklen Scheibe der Bahn sah. Auf ihrem Handy war eine Nachricht, abgeschickt um 5:48 Uhr: „Schlepper läuft aus. Wann ist dein nächster freier Abend?“
Sie öffnete ihren Dienstplan, zum ersten Mal seit Langem nicht mit Seufzen, sondern mit einem Stift in der Hand.







