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Fünf Fassungen und ein roter Drachen

Lena, 29 · Berlin

Die erste Fassung war zu lang. Die zweite klang wie eine Bewerbung, die dritte wie ein Horoskop, und die vierte hätte meine Mutter schreiben können. Erst die fünfte habe ich abgeschickt, an einem Donnerstag kurz nach elf Uhr nachts, bevor ich es mir wieder anders überlegen konnte.

„Sie sucht Ihn. Grafikerin, 29, seit einem Jahr in Neukölln und noch nicht richtig angekommen. Ich zeichne den ganzen Tag Dinge für andere Leute und würde gern mal wieder etwas erleben, das niemand bestellt hat. Suche einen Mann, der zuhört, gern lacht und keine Angst vor Sonntagen hat.“

Ich hatte noch nie im Leben eine Anzeige aufgegeben. Nicht für ein gebrauchtes Fahrrad, nicht für ein WG-Zimmer, erst recht nicht für mich selbst. In Kassel war das nie nötig gewesen. Da kannte man jemanden, der jemanden kannte, und irgendwann saß man zusammen in einer Kneipe im Vorderen Westen und wusste nicht mehr genau, wer eigentlich wen vorgestellt hatte. Berlin funktioniert anders. Berlin ist freundlich, solange man nichts von ihm will.

Meine Kollegen in der Agentur am Paul-Lincke-Ufer sind nett. Wir essen mittags zusammen, wir lästern über Kunden, und freitags trinkt man ein Bier am Kanal. Aber um acht fahren alle nach Hause zu ihren Leuten, und ich fahre mit der U8 bis Boddinstraße und steige die vier Stockwerke hoch in eine Wohnung, in der nur meine Monstera auf mich wartet. Nach einem Jahr hatte ich keine Lust mehr, mir einzureden, dass sich das von allein ändert.

Bis Sonntagabend kamen einundvierzig Nachrichten. Ich habe sie auf dem Sofa gelesen, mit einer Tasse Tee, die dabei kalt wurde, und mit einem Gefühl irgendwo zwischen geschmeichelt und erschlagen. Viele schrieben Komplimente, die auf jede Frau gepasst hätten. Einige schickten gleich ihre Handynummer. Einer erklärte mir in drei Absätzen, warum Grafikdesign eigentlich kein richtiger Beruf sei, und wollte trotzdem mit mir essen gehen.

Und dann war da Malte.

Seine Nachricht war kurz. „Hallo Lena, deine Anzeige ist bei mir hängen geblieben, im guten Sinn. Eine Frage: Was hast du gegen Sonntage – oder was haben die Sonntage gegen dich? Ich bin Malte, 33, repariere Fahrräder in Kreuzberg und finde, Sonntage sind das Beste an Berlin, wenn man weiß, wohin damit.“

Er war der Einzige, der etwas gefragt hatte. Alle anderen hatten über sich geschrieben oder über mein Foto. Er hatte über meinen Satz nachgedacht. Also habe ich ihm ehrlich geantwortet: dass Sonntage die Tage sind, an denen man merkt, dass man allein in einer Stadt wohnt. Dass samstags alle Welt beschäftigt ist, sonntags aber alle Welt zu zweit.

Er schrieb zurück: „Dann lass uns einen Sonntag reparieren. Ich hab einen Drachen im Keller, der seit zwei Jahren nicht mehr draußen war. Tempelhofer Feld, Eingang Herrfurthstraße, um zwei?“

Ich habe eine halbe Stunde auf diese Nachricht gestarrt. Dann habe ich Ja geschrieben.

Das Tempelhofer Feld ist der einzige Ort in Berlin, an dem der Himmel größer ist als die Stadt. Ich wohnte keine zehn Minuten entfernt und war trotzdem erst dreimal dort gewesen, jedes Mal allein und jedes Mal mit dem Gefühl, dass hier alle zu Hause sind außer mir.

Malte stand am Tor, mit einem Rucksack, einer zusammengerollten Decke unter dem Arm und einem Drachen, der aussah, als hätte ihn ein Kind entworfen: rot und gelb, mit einem langen Schwanz aus Stoffschleifen. Er war größer, als ich gedacht hatte, hatte Hände, denen man die Werkstatt ansah, obwohl er sie sichtlich geschrubbt hatte, und ein Lächeln, das ein bisschen schief anfing und dann ganz gerade wurde.

„Du bist Lena“, sagte er. „Und du hast die Anzeige fünfmal umgeschrieben.“

„Woher weißt du das?“

„Merkt man. Kein Wort zu viel. Das schafft keiner beim ersten Versuch.“

Ich musste lachen, und damit war die erste Viertelstunde, vor der ich mich die ganze Woche gefürchtet hatte, einfach vorbei.

Wir liefen über die alte Rollbahn Richtung Westen, vorbei an Skatern, an einem Mann, der mit einem Segel auf Rollen über den Asphalt glitt, an Familien mit Bollerwagen. Weiter hinten, auf der Wiese, auf der man es darf, standen schon ein Dutzend Drachen in der Luft. Malte erklärte mir, wie man die Schnur hält, wie man rückwärts läuft und wann man loslässt. Beim ersten Versuch landete der Drachen nach vier Sekunden kopfüber im Gras. Beim zweiten auch. Beim dritten riss ihn eine Böe nach oben, die Schnur surrte mir durch die Finger, und plötzlich stand er da oben, klein und leuchtend, und zog an mir wie ein junger Hund an der Leine.

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„Nicht so fest“, sagte Malte hinter mir und legte seine Hand über meine, nur ganz kurz, um mir zu zeigen, wie viel Spiel die Schnur braucht. „Der will fliegen, nicht festgehalten werden.“

Ich weiß bis heute nicht, ob er das nur über den Drachen gesagt hat.

Später breiteten wir die Decke im Gras aus. Er hatte Brot von einem Bäcker aus der Okerstraße mitgebracht, Käse, Weintrauben, zwei Flaschen Rhabarberschorle und eine Thermoskanne Kaffee, der erstaunlich gut war. Wir lagen auf dem Rücken, der Drachen war an einem Hering festgebunden und tanzte über uns, und wir erzählten. Er war in Rostock aufgewachsen, hatte Maschinenbau studiert und nach vier Semestern gemerkt, dass er lieber mit den Händen arbeitet als mit Formeln. Seit sechs Jahren hatte er zusammen mit einem Freund eine kleine Werkstatt in der Nähe vom Görlitzer Park und reparierte alles vom Kinderrad bis zum Rennrad für dreitausend Euro.

„Manchmal bringen Leute Räder, die zwanzig Jahre im Keller standen“, sagte er. „Die wollen nicht, dass ich ein neues draus mache. Die wollen, dass es wieder fährt wie früher. Das sind die schönsten Aufträge.“

Ich erzählte von Kassel, von meiner Oma, die mir das Zeichnen beigebracht hat, von der Agentur und von Kunden, die ein Logo wollen, das „irgendwie frisch, aber auch seriös“ ist. Er lachte an den richtigen Stellen und hakte nach, wenn ich über etwas schnell hinweggehen wollte. Genau das hatte mir in einem Jahr Berlin gefehlt: jemand, der fragt und die Antwort wirklich hören will.

Irgendwann wurde es kühl. Die Sonne stand tief über dem alten Flughafengebäude, und das Licht färbte die ganze Fläche golden. Wir holten den Drachen ein, was länger dauerte als gedacht, und lachten über die verhedderte Schnur, die wir am Ende zu zweit auseinanderknoten mussten, die Köpfe so nah beieinander, dass ich seinen Atem an meiner Schläfe spürte.

„Hast du Hunger?“, fragte er am Ausgang. „Richtigen Hunger, meine ich. Nicht Weintrauben-Hunger.“

Wir gingen die Herrfurthstraße hinunter zum Platz vor der Genezarethkirche. Der Schillerkiez war an diesem Abend voller Leute, die draußen saßen, als wollten sie den Sommer noch ein letztes Mal festhalten. Wir fanden einen wackligen Tisch vor einem kleinen Lokal in der Weisestraße, aßen Pasta und teilten uns eine Karaffe Rotwein. Malte kannte die Kellnerin, weil er ihr einmal ein Lastenrad wieder flottgemacht hatte, und sie brachte uns zum Schluss ungefragt zwei Espresso.

Nach dem Essen liefen wir die Schillerpromenade entlang. Die Linden rauschten, irgendwo übte jemand bei offenem Fenster Trompete, und ich merkte, dass ich den ganzen Tag kein einziges Mal an mein Handy gedacht hatte. Vor meiner Haustür blieben wir stehen. Er hatte den Drachen immer noch unter dem Arm, was ziemlich absurd aussah, und ich musste wieder lachen.

„Was ist?“, fragte er.

„Nichts. Mir ist nur gerade aufgefallen, dass Sonntag ist.“

Er sah mich an, lange, ohne etwas zu sagen. Dann beugte er sich zu mir, und ich kam ihm entgegen, und der Kuss war leise und warm und schmeckte ein bisschen nach Espresso. Kein Filmkuss, eher einer, bei dem man hinterher kurz nicht weiß, wohin mit den Händen. Seine Hand lag an meiner Wange, und seine rauen Fingerkuppen fühlten sich an, als hätten sie schon sehr viele Dinge wieder zum Laufen gebracht.

„Nächsten Sonntag?“, fragte er.

„Nächsten Sonntag“, sagte ich. „Aber diesmal bringe ich das Essen mit.“

„Und ich den Wind.“

Ich bin die vier Stockwerke hochgelaufen, ohne einmal stehen zu bleiben. Oben habe ich die Anzeige offline genommen. Nicht, weil ich schon gewusst hätte, wohin das führt, sondern weil ich die Antwort, nach der ich gesucht hatte, bereits bekommen hatte: Es gibt in dieser Stadt jemanden, der meine Sätze liest, als wären sie wichtig.

Die fünfte Fassung hängt jetzt ausgedruckt an meinem Kühlschrank. Daneben klebt eine rote Stoffschleife, die Malte an der Haustür vom Drachenschwanz abgeknotet und mir in die Hand gedrückt hat. Was daraus wird, weiß ich nicht. Aber der nächste Sonntag ist übermorgen, und zum ersten Mal seit einem Jahr freue ich mich darauf.

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