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Nur mittwochs

Carina, 36 · Hannover

Carinas Schichtplan hat drei Farben. Gelb für die Frühschicht, die um sechs beginnt, Orange für die Spätschicht bis zweiundzwanzig Uhr, Blau für die Nächte, von denen sie nie genug schläft. Das Muster wechselt jede Woche. Sie hat es ausgedruckt und an den Kühlschrank geklebt, und darauf gibt es eine Spalte, die immer weiß bleibt: der Mittwochabend. Das ist kein Zufall, sondern Verhandlung. Sie hat dafür zwei zusätzliche Nachtschichten im Monat übernommen und einem Kollegen ihren Weihnachtsdienst abgekauft, mit einer Flasche Whisky und dem Versprechen, nie zu erzählen, wofür.

Carina ist sechsunddreißig und Ingenieurin in der Instandhaltung eines großen Werks im Norden von Hannover. Wenn eine Anlage steht, klingelt ihr Telefon, egal zu welcher Uhrzeit. Sie ist gut in ihrem Job, und sie weiß, wie man in einem Team aus überwiegend Männern besteht: nie zu viel Privates erzählen, nicht auf jeden Spruch reagieren, keine Schwäche zeigen, die man nicht vorher selbst benannt hat.

Ihre letzte Beziehung ist an diesem Schichtplan zerbrochen. „Ich weiß nie, wann du da bist“, hatte er gesagt, und sie hatte geantwortet: „Doch. Steht am Kühlschrank.“ Das war nicht die Antwort gewesen, die er hören wollte.

Danach hat sie eine Weile gar nichts gesucht. Dann hat sie sich an einem weißen Mittwoch hingesetzt und die ehrlichste Anzeige geschrieben, die ihr einfiel.

„Sie sucht Ihn für feste Mittwochabende, sonst nichts. 36, Ingenieurin, Schichtdienst, Hannover. Keine Wochenenden, keine Familienfeiern, keine Nachrichten um Mitternacht. Ein Abend pro Woche, verlässlich, diskret, mit Anfang und Ende. Wer mehr will, ist hier falsch. Wer genau das will, ist hier sehr richtig.“

Sie bekam weniger Antworten als erwartet, und die meisten hatten die Anzeige nicht verstanden. Einige wollten „erst mal schauen, wohin es führt“. Andere boten Dienstage an oder Sonntage, als handle es sich um einen Vorschlag zur Verhandlung. Einer schrieb, er sei „total flexibel“, was für Carina ungefähr das Gegenteil von dem war, was sie suchte.

Florian schrieb wie ein Befundbericht. „40, Physiotherapeut, eigene Praxis in der List. Mittwochs schließe ich um 18 Uhr, danach ist mein Abend frei, jede Woche, seit Jahren. Ich habe eine Tochter, die bei ihrer Mutter lebt und jedes Wochenende zu mir kommt. Ich suche genau das, was Sie beschreiben, weil der Rest meines Lebens voll ist, und zwar gut voll. Diskretion ist in meinem Beruf Grundvoraussetzung. Vorschlag: Maschsee, Nordufer, nächsten Mittwoch, 19 Uhr. Wenn es nicht passt, gehen wir nach einer Stunde auseinander, ohne Erklärung.“

Carina las den letzten Satz und lächelte zum ersten Mal an diesem Tag. Ohne Erklärung. Da hatte jemand verstanden, dass eine Grenze keine Ablehnung ist.

Er stand am Nordufer, nicht weit von der Löwenbastion, in einer grauen Jacke, und sah auf die Uhr, als sie kam. Nicht ungeduldig, eher aus Gewohnheit, wie jemand, der seine Tage in Behandlungseinheiten von fünfundzwanzig Minuten denkt.

„Sie sind pünktlich“, sagte er.

„Ich bin Ingenieurin. Wenn ich zu spät komme, steht irgendwo eine Linie.“

Sie gingen einmal um den See. Gut sechs Kilometer, etwas mehr als eine Stunde, das hatten beide vorher ausgerechnet, jeder für sich, wie sich herausstellte. Auf dem Wasser zogen Ruderer ihre Bahnen, und hinter den Bäumen stand das Neue Rathaus mit seiner grünen Kuppel, als hätte es jemand für eine Postkarte dort abgestellt. Florian ging in einem ruhigen, gleichmäßigen Tempo, erzählte wenig und fragte dafür präzise. Wie lange ihre Schichten wirklich dauerten. Ob sie nach den Nächten schlafen könne. Wo ihr der Rücken wehtue.

„Woher wissen Sie, dass mir der Rücken wehtut?“

„Sie drehen den ganzen Oberkörper, wenn Sie nach links schauen, nicht nur den Kopf. Brustwirbelsäule, würde ich sagen. Zu viele Stunden über Schaltschränke gebeugt?“

Sie blieb stehen. „Das ist fast unheimlich.“

„Berufskrankheit“, sagte er. „Ich schalte das nachher ab. Versprochen.“

Am Ende der Runde saßen sie auf den Stufen am Wasser, und Carina stellte die Frage, die sie sich vorgenommen hatte.

„Warum wollen Sie das? Nur Mittwoch. Die meisten Männer finden das seltsam.“

Florian dachte nach, bevor er antwortete. Das gefiel ihr. „Weil ich weiß, wie unfrei man wird, wenn alles offen ist“, sagte er. „Nach meiner Scheidung hatte ich eine Beziehung, in der jeder Abend verhandelt wurde. Wann sehen wir uns, warum nicht, was bedeutet das. Ich war nie müder. Ein fester Abend ist keine Einschränkung. Er ist ein Versprechen, das man halten kann.“

Carina sah auf das Wasser, das langsam dunkel wurde. „Und Ihre Patienten? Ihre Nachbarn?“

„Meine Patienten wissen, wann ich Sprechstunde habe. Mehr nicht. Und Ihre Kollegen?“

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„Meine Kollegen“, sagte Carina, „würden in der Frühschicht über nichts anderes mehr reden. Deshalb erfahren sie es nicht.“

„Dann sind wir uns einig.“

Sie gaben sich die Hand, als hätten sie einen Vertrag geschlossen. Dann hielt er ihre Hand ein wenig länger fest, als ein Vertrag es verlangt hätte, und sie zog sie nicht weg.

Der zweite Mittwoch begann auf der Lister Meile, bei dem Italiener, bei dem Florian mittags manchmal einen Espresso im Stehen trinkt. Sie saßen draußen unter einem Heizpilz und redeten über Dinge, über die Carina sonst mit niemandem redete: über Lager, die heißlaufen, über Sehnen, die sich verkürzen, und darüber, dass Maschinen und Körper sich ähnlicher sind, als man denkt.

Einmal ging auf der anderen Seite der Fußgängerzone ein Mann aus ihrer Abteilung vorbei, mit Einkaufstüten und einem Kinderwagen. Carina senkte nicht den Kopf. Sie hatte gelernt, dass man sich am schnellsten verrät, wenn man sich versteckt. Er sah sie nicht. Florian hatte es trotzdem bemerkt.

„Kollege?“, fragte er leise.

„Schichtleiter.“

„Soll ich gehen?“

„Nein“, sagte sie. „Sie sollen einfach sitzen bleiben und so tun, als wären Sie mein Physiotherapeut.“

„Bin ich doch.“

Der dritte Mittwoch führte sie in die Eilenriede, ein Spaziergang im letzten Licht, vom Lister Turm aus unter den alten Bäumen, bis es so dunkel war, dass sie nur noch seine Stimme neben sich hörte und seine Schritte im Laub.

Beim vierten saßen sie nicht mehr lange irgendwo. Sie stieg am Lister Platz aus der Stadtbahn und ging direkt zu ihm, in eine Altbauwohnung mit hohen Decken, in der es nach Eukalyptus und frischer Wäsche roch.

Er hatte recht mit ihrem Rücken. Er fand die Stelle zwischen den Schulterblättern, ohne zu suchen, und legte die Hände darauf, warm und ruhig, und Carina spürte, wie sich etwas löste, das sie seit Monaten zusammengehalten hatte. „Sie wollten das doch abschalten“, sagte sie, halb lachend, und er antwortete: „Ich hab gelogen.“ Irgendwo in diesem Satz waren sie beim Du angekommen. Die Schlafzimmertür fiel hinter ihnen ins Schloss, und der Rest des Abends gehörte niemandem außer ihnen.

Um elf fuhr sie nach Hause. So hatten sie es abgemacht, ohne es aussprechen zu müssen. Kein gemeinsames Frühstück, keine Zahnbürste im Bad des anderen. In der Stadtbahn saß sie am Fenster, sah die dunklen Straßen vorbeiziehen und stellte fest, dass sie lächelte und niemand wusste, warum. Vielleicht war das das Beste daran.

Am Donnerstag, Frühschicht, stand sie um sechs in der Halle. Dennis, ein Kollege, der alles bemerkt und nichts für sich behält, musterte sie über seinen Kaffeebecher hinweg.

„Du siehst ausgeschlafen aus. Hast du Urlaub gemacht, oder was?“

„Schwimmen“, sagte Carina. „Mittwochs.“

„Seit wann gehst du schwimmen?“

„Seit Neuestem.“ Sie zog ihre Handschuhe an und ging zur Anlage, bevor er nachfragen konnte.

Sie hatte immer geglaubt, Freiheit bedeute, dass nichts festgelegt ist. Jetzt, mit einem Abend pro Woche, der ihr gehörte und sonst niemandem, begriff sie, dass es genau andersherum war. Die anderen sechs Tage durften so chaotisch sein, wie ihr Schichtplan es verlangte. Der Mittwoch hielt.

Abends nahm sie einen grünen Textmarker und malte die weiße Spalte am Kühlschrank aus, acht Wochen im Voraus. Grün, weil keine ihrer Schichten grün war. Dann schrieb sie Florian eine Nachricht, an einem Donnerstag, gegen ihre eigene Regel: „Nur damit du's weißt: Die Spalte ist ausgemalt.“

Die Antwort kam erst am Mittwoch, um eine Minute nach sechs, als seine Praxis gerade geschlossen hatte. Ein einziges Wort: „Pünktlich.“

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