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Was danach kommt, sehen wir oben

Clara, 39 · Freiburg im Breisgau

Auf dem Kreißsaalflur der Uniklinik hing ein Kalender mit Schwarzwaldmotiven, und Clara hatte sich angewöhnt, ihn nach jeder Nachtschicht kurz anzusehen, bevor sie nach Hause ging. Im März ein verschneiter Hochfirst, im April eine Streuobstwiese im Glottertal, im Mai ein Weg durch Buchenwald, auf dem das Licht in schrägen Bahnen lag. Sie kannte keinen dieser Orte. Zehn Jahre lang hatte sie in Zürich gelebt, am Unispital gearbeitet, mit einem Mann zusammengewohnt, der Berge nur aus dem Flugzeugfenster mochte, und jetzt war sie zurück in der Stadt, in der sie aufgewachsen war, und fühlte sich darin wie eine Touristin mit Heimweh.

Die Trennung war ruhig gewesen, fast freundlich. Eine Wohnung in Wiedikon, die man aufteilte, zwei Umzugsfirmen, eine gemeinsame Katze, die bei ihm blieb, weil sie Treppen hasste. Clara hatte eine Stelle in Freiburg gefunden, eine Zweizimmerwohnung im Stühlinger mit Blick auf die Gleise und einen Satz Wanderschuhe, der seit Jahren unbenutzt im Schrank stand. Die Schuhe hatte sie beim Auspacken als Erstes in den Flur gestellt. Wie ein Versprechen an sich selbst.

Nach einem halben Jahr standen sie immer noch da.

An einem Mittwochmorgen, nach einer Nacht mit drei Geburten und einem Kaiserschnitt, setzte sie sich mit einem Milchkaffee an den Küchentisch und schrieb die Anzeige, die sie seit Wochen im Kopf herumtrug. Sie brauchte zwanzig Minuten und strich am Ende mehr, als sie stehen ließ.

„Sie sucht Ihn für Samstage mit Wanderschuhen. Clara, 39, Hebamme, nach zehn Jahren Zürich zurück in Freiburg und merkt, dass sie ihre eigene Heimat nicht mehr kennt. Suche einen Mann, der mir den Schwarzwald zurückgibt, ohne ihn mir zu erklären. Unter der Woche Schichtdienst, samstags frei. Was danach kommt, sehen wir oben.“

Ihre Kollegin Derya, der sie die Anzeige in der Übergabe zeigte, las sie zweimal und grinste. „Was danach kommt, sehen wir oben. Clara. Das ist ja fast unanständig.“

„Das ist topografisch gemeint.“

„Natürlich.“

Die Antworten waren gemischt. Ein Triathlet schlug ihr eine Runde über drei Gipfel in sechs Stunden vor. Ein Mann aus Offenburg schrieb, er wandere nicht, aber er fahre gern mit dem Auto auf Aussichtspunkte. Einer wollte wissen, ob Hebammen „privat auch so fürsorglich“ seien, und Clara löschte die Nachricht mit einer Bewegung, die sie sonst für schlecht sitzende Handschuhe benutzte.

Jakob schrieb am Freitagabend. „Ich bin Förster, 41, zuständig für ein Revier am Rand der Stadt. Den Wald erklären muss ich beruflich schon genug, deshalb verspreche ich, es samstags zu lassen, außer du fragst. Vorschlag: Wir treffen uns am Martinstor, holen uns eine Lange Rote am Münster und gehen auf den Schlossberg. Das ist kein richtiger Berg, aber für einen Anfang reicht er. Wanderschuhe erwünscht, obwohl sie dort übertrieben sind.“

Sie schrieb zurück: „Ich komme trotzdem mit Wanderschuhen. Die haben lange genug gewartet.“

Das Martinstor stand da, wie es immer gestanden hatte, mit seinem spitzen Dach und dem Uhrturm, unter dem die Straßenbahnen hindurchfuhren, als fädelten sie sich durch ein Nadelöhr. Clara war zehn Minuten zu früh. Sie beobachtete die Leute, die mit Einkaufstaschen aus der Kaiser-Joseph-Straße kamen, Studentinnen auf Rädern, einen Straßenmusiker mit Akkordeon, und versuchte zu erraten, welcher der Männer Jakob sein könnte.

Sie erriet es nicht. Er kam von der anderen Seite, aus der Gerberau, in einer olivgrünen Jacke, die nicht nach Uniform aussah, aber auch nicht weit davon entfernt war. Groß, braun gebrannt auf eine Art, die man nicht im Urlaub bekommt, ein kurzer dunkler Bart, und Wanderschuhe, deren Leder so abgewetzt war, dass sie eher nach Werkzeug aussahen als nach Freizeit.

„Clara?“ Er sah auf ihre Füße. „Die sind ja nagelneu.“

„Die sind neun Jahre alt. Sie waren nur nie draußen.“

„Dann wird es Zeit.“

Auf dem Weg zum Münsterplatz passierte, was in Freiburg irgendwann jedem passiert: Clara wich einer Radfahrerin aus und trat mit dem rechten Fuß mitten in ein Bächle. Das Wasser war kalt und klar und lief ihr sofort in den Schuh. Sie blieb stehen, den Fuß in der Rinne, und wusste nicht, ob sie lachen oder fluchen sollte.

„Du weißt, was man sagt“, sagte Jakob.

„Dass ich jetzt einen Freiburger heiraten muss. Ich bin hier geboren. Das gilt nicht.“

„Doch. Für Rückkehrerinnen gilt es doppelt.“

Sie lachte, zog den Fuß heraus und ging mit einem quietschenden Schuh weiter, und zum ersten Mal seit ihrer Rückkehr fühlte sich die Stadt nicht wie eine Kulisse an. Auf dem Münstermarkt drängten sich die Stände unter ihren Schirmen, Kartoffeln aus dem Markgräflerland, Kirschen vom Kaiserstuhl, Blumen in Eimern. Jakob kaufte zwei Lange Rote mit Zwiebeln und reichte ihr eine, die Wurst so lang, dass sie links und rechts aus dem Brötchen ragte wie ein schlechter Witz. Sie aßen im Stehen, mit dem Münsterturm über sich, und Clara merkte, dass er sie ansah, während sie kaute, und nicht wegschaute, als sie es bemerkte.

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„Du hast Senf am Kinn“, sagte er.

„Du hast gesagt, du erklärst nichts.“

„Das war keine Erklärung. Das war ein Befund.“

Sie wischte sich das Kinn ab und dachte, dass sie diesen Satz genauso gut selbst hätte sagen können, im Kreißsaal, zu einem nervösen Vater.

Der Weg auf den Schlossberg begann hinter dem Schwabentor, steil und in Serpentinen, zwischen Weinreben und Esskastanien. Clara hatte ihn als Kind hundertmal genommen, meistens murrend, an der Hand ihres Vaters. Jetzt ging sie ihn mit einem quietschenden Schuh und einem Mann, der tatsächlich nichts erklärte. Er blieb nur manchmal stehen, wenn sie fragte, und dann erzählte er kurz und genau: dass die Kastanien hier seit Jahrhunderten wachsen, dass der Borkenkäfer in den oberen Lagen die Fichten frisst, dass er an manchen Tagen mehr Bäume fällen muss, als ihm lieb ist.

„Macht dich das traurig?“

„Manchmal. Aber ein Wald ist nie fertig. Das ist das Tröstliche.“

Clara dachte an ihren Beruf, an die Nächte, an die Frauen, die sie begleitete, an die Momente, in denen alles gleichzeitig anfing und nichts sicher war. „Bei mir ist es umgekehrt“, sagte sie. „Bei mir fängt jeden Tag etwas an.“

Der Aussichtsturm stand oben auf der Kuppe, eine seltsame, luftige Konstruktion aus Stahl und Holz, die sich um sich selbst drehte wie eine Wendeltreppe ohne Haus. Sie stiegen hinauf, Stufe um Stufe, bis der Wind an ihren Jacken zog. Unter ihnen lag Freiburg, der filigrane Münsterturm, ein Meer aus Ziegeldächern über der Altstadt, die Wiehre, der Stühlinger, dahinter die Rheinebene bis zu den blassen Vogesen. Clara suchte ihre Wohnung und fand die Gleise, und dann fand sie auch das Dach, unter dem ihre Wanderschuhe ein halbes Jahr lang gewartet hatten.

„Und?“, fragte Jakob. „Was kommt jetzt oben?“

Sie drehte sich zu ihm um. Er stand eine Stufe unter ihr, was ihre Gesichter auf dieselbe Höhe brachte, und das war vermutlich kein Zufall. Sie küsste ihn, weil es sich richtig anfühlte und weil sie es in die Anzeige geschrieben hatte und weil sie keine Lust mehr hatte, auf Dinge zu warten, die im Flur standen. Er schmeckte nach Zwiebeln. Sie auch. Es störte keinen.

Sie stiegen auf der anderen Seite ab, durch den Wald, und gingen am Nachmittag durch die Wiehre bis hinüber ins Vauban. Jakob wohnte dort in einem Holzhaus mit Solardach, Gemeinschaftsgarten und einer Reihe von Lastenrädern vor der Tür, in einem Viertel, in dem Kinder auf der Straße Kreidebilder malten, weil kaum Autos fuhren. Clara hatte das Vauban noch als Kasernengelände in Erinnerung. Jetzt summten Bienen in den Hochbeeten.

„Ich mache Kaffee“, sagte er an der Tür. „Und du ziehst diesen Schuh aus, bevor er schimmelt.“

„Ist das eine Erklärung?“

„Eine Dienstanweisung.“

Sie zog beide Schuhe aus und stellte sie auf die Fußmatte, nebeneinander, die neuen neben seinen alten. Aus dem Kaffee wurde ein Abendessen auf dem Balkon, aus dem Abendessen ein langes Schweigen, das nicht unangenehm war, und irgendwann ging die Sonne hinter den Vogesen unter und färbte die Holzfassaden ringsum rot. Jakob nahm ihr das leere Glas aus der Hand und stellte es auf das Geländer. Dann zog er sie hinein und schloss die Balkontür hinter ihnen. Was an diesem Samstagabend noch geschah, blieb in dem Holzhaus mit dem Solardach.

Am Sonntagmorgen saß sie auf seiner Treppe in der Sonne, barfuß, einen Becher zwischen den Händen, und beobachtete ein Nachbarskind, das mit Kreide einen Baum auf den Asphalt malte. Jakob setzte sich neben sie.

„Nächster Samstag?“, fragte er. „Ich hätte einen richtigen Berg. Mit Höhenmetern.“

„Welchen?“

„Das erkläre ich dir oben.“

Clara lachte und lehnte sich an seine Schulter. Am Montag würde sie auf dem Kreißsaalflur am Kalender vorbeigehen, und zum ersten Mal würde sie einen der Wege darauf kennen.

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