Zwischen den Rebzeilen
Melanie, 45 · Stuttgart
Sechsundzwanzig Wochenenden im Jahr gehören mir. Ich habe es einmal ausgerechnet, an einem Dienstagabend, als die Kinder schliefen und ich noch die Umsatzsteuervoranmeldung eines Kunden vor mir hatte. Sechsundzwanzig Mal Freitagabend bis Sonntagabend. Ich bin Buchhalterin, ich rechne alles aus, und das Ergebnis hat mich erschreckt: Ich hatte diese Wochenenden seit der Trennung fast alle mit Wäsche, Steuerordnern und schlechtem Fernsehen verbracht.
Emma ist zwölf, Jonas neun. Jeden zweiten Freitag um sechs steht Thomas vor unserer Tür in Bad Cannstatt, die Kinder ziehen ihre Rucksäcke hinter sich her, und dann ist die Wohnung so still, dass ich den Kühlschrank brummen höre. Die ersten Monate habe ich diese Stille gehasst. Später habe ich angefangen, sie zu verteidigen: gegen Kolleginnen, die mich zu Pärchenabenden einluden, gegen meine Mutter, die fragte, ob ich nicht „mal wieder jemanden kennenlernen“ wolle.
Ich wollte. Nur nicht so, wie sie es meinte.
Die Anzeige habe ich an einem dieser stillen Freitage geschrieben, mit einem Glas Lemberger neben der Tastatur. Ich habe sie viermal umformuliert und am Ende so gelassen, wie sie war, weil jede weitere Fassung verlogener klang: „Sie sucht Ihn für die freien Wochenenden. 45, Mutter von zwei Kindern, die alle vierzehn Tage zu ihrem Papa fahren. Ich suche keinen Stiefvater und keinen Retter. Ich suche jemanden, der mit mir wandert, isst, redet – und dann sehen wir weiter. Stuttgart und Umgebung.“
Es kamen einundzwanzig Antworten. Ich habe sie behandelt wie Belege: sortiert, geprüft, abgelegt. Sieben flogen sofort raus, weil die Absender das Wort „Kinder“ offenbar überlesen hatten. Einer schrieb, er könne mir „die Wochenenden versüßen“, und ich habe laut gelacht, allein in der Küche.
Andreas schrieb drei Sätze. „Ich bin 47 und Weinbautechniker in Uhlbach. Im Oktober habe ich kaum ein freies Wochenende, aber das nach der Lese gehört mir, und ich würde es gern jemandem zeigen. Der Weg von Uhlbach hinauf auf den Württemberg ist schöner als jedes Restaurant.“
Kein Kompliment, keine Frage nach meinem Aussehen. Ich antwortete ihm, dass ich seit Jahren in Stuttgart wohne und noch nie oben an der Grabkapelle war. Er schrieb zurück: „Dann wird es Zeit.“
Wir trafen uns an einem Samstag Ende Oktober an der Bushaltestelle in Uhlbach. Ich war mit der S-Bahn bis Obertürkheim gefahren und dann mit dem Bus hinauf ins Dorf, und die ganze Fahrt über hatte ich mir überlegt, was ich tue, wenn er mir nicht gefällt. Ein Kaffee, eine Ausrede, zurück nach Cannstatt. Die Ausrede war fertig formuliert.
Ich brauchte sie nicht. Andreas stand da in einer ausgewaschenen Arbeitsjacke, die Hände rissig und an den Fingerkuppen bläulich verfärbt. Er bemerkte meinen Blick und hielt sie hoch.
„Trollinger“, sagte er. „Das geht erst in zwei Wochen ab. Ich hab's mit Zitrone versucht, bringt nichts.“
„Ich dachte schon, Sie hätten jemanden erwürgt.“
„Nur ein paar Tonnen Trauben.“ Er lachte, kurz und trocken. „Wollen wir du sagen? Auf dem Weinwanderweg siezt sich keiner.“
Wir gingen los, vorbei am Weinbaumuseum in der alten Kelter, dann hinein zwischen die Rebzeilen. Die Blätter hatten diese Farben, die ich nur aus Kalendern kannte: Rost, Bernstein, an manchen Stöcken ein fast schreiendes Rot. Andreas erklärte mir, warum die Terrassen so steil sind, warum man die Trockenmauern nicht verfugt und dass Eidechsen darin wohnen, die unter Schutz stehen. Er redete nicht wie jemand, der beeindrucken will. Er redete wie jemand, der jeden Meter dieses Hangs mit den Händen kennt.
„Und du?“, fragte er irgendwann. „Was machst du, wenn du keine Kinder hast?“
„Ich habe immer Kinder“, sagte ich. „Nur nicht jedes Wochenende.“
Er blieb stehen. „Entschuldige. Blöd formuliert.“
„Schon gut. Ich bin Buchhalterin. Ich rechne auch das aus.“
Oben auf dem Württemberg steht die Grabkapelle, rund und hell, mit ihrer Kuppel über den Weinbergen. König Wilhelm hat sie für seine Frau Katharina bauen lassen, dort, wo vorher die Stammburg der Württemberger stand. Andreas erzählte die Geschichte, ohne sie zu verkitschen: dass die Königin mit dreißig gestorben sei, dass der König die Burg abreißen ließ und an ihrer Stelle diese Kapelle baute, und dass er Jahrzehnte später selbst neben ihr beigesetzt wurde, obwohl er längst wieder verheiratet war.
„Zweite Ehe, und trotzdem neben der ersten Frau“, sagte ich. „Das wäre heute ein Fall für den Anwalt.“
„Oder einfach ehrlich“, sagte er. „Man kann jemanden wieder lieben und trotzdem wissen, wo man hingehört.“
Unterhalb der Kapelle fanden wir einen Platz auf der warmen Mauer. Von dort sieht man das ganze Neckartal, die Schleifen des Flusses, die Hafenkräne, das Daimler-Werk in Untertürkheim, dahinter die Stadt in ihrem Kessel. Ich hatte das alles immer nur von unten gesehen, aus dem Auto, aus der S-Bahn. Von hier oben sah es aus wie etwas, das man in die Hand nehmen könnte.
Zum Essen gingen wir in einen Besen unten im Dorf. Ich hatte vergessen, wie eng es in einer Besenwirtschaft ist: lange Holztische, fremde Leute, die zusammenrücken, ein Reisigbesen über der Tür als Zeichen, dass geöffnet ist. Wir teilten uns den Tisch mit einem älteren Ehepaar aus Esslingen, das Andreas kannte und ihn fragte, wie die Lese gewesen sei.
„Wenig, aber gut“, sagte er.
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Anzeigen in meiner Nähe„Wie immer“, sagte der Mann und zwinkerte mir zu.
Wir aßen Maultaschen in der Brühe und einen Wurstsalat, und Andreas bestellte für mich ein Viertele Trollinger und für sich einen Lemberger, den er am Glas drehte, bevor er ihn trank. Ich sah ihm dabei zu und merkte, dass mein Blick seit einer Ewigkeit zum ersten Mal nicht zur Uhr wanderte. Keine Abholzeit, kein Elternabend, keine vergessene Zahnspange.
„Du guckst so“, sagte Andreas.
„Wie guck ich denn?“
„Wie jemand, der gerade etwas ausrechnet.“
Ich musste lachen, weil er recht hatte. „Ich rechne aus, wie lange es her ist, dass ich an einem Samstagabend nichts vorhatte.“
„Und?“
„Zu lange.“
Er legte seine blaue Hand neben meine auf den Tisch, nicht darauf, nur daneben, so dass sich unsere kleinen Finger berührten. Das Ehepaar aus Esslingen tat sehr diskret so, als würde es nichts sehen.
Draußen war es dunkel geworden. Andreas wohnt im oberen Teil des Dorfes, in einem alten Weingärtnerhaus mit Gewölbekeller, den er mir zeigen wollte. „Ehrlich, nur den Keller“, sagte er, und dann, nach einer Pause: „Zuerst.“
Ich hätte ein Taxi rufen können. Stattdessen ging ich neben ihm die Gasse hinauf, und als er vor seiner Haustür den Schlüssel suchte, nahm ich ihm die Arbeitsjacke von den Schultern, weil sie nach Most und Erde roch und ich wissen wollte, wie er darunter riecht.
Der Keller war kühl, die Fässer standen in einer langen Reihe. Er zeigte sie mir tatsächlich, eines nach dem anderen, und irgendwo zwischen dem dritten und dem vierten hörte er auf zu erklären. Oben im Haus fiel eine Tür ins Schloss, und was danach kam, gehört nur mir.
Ich wachte auf, weil unten jemand die Kaffeemaschine anstellte. Durch das kleine Fenster sah ich die Rebhänge im Morgenlicht, und für einen Moment wusste ich nicht, wo ich war. Dann wusste ich es wieder und blieb einfach liegen.
Den Sonntag verbrachten wir, als hätten wir das schon öfter gemacht. Frühstück auf der Treppe vor dem Haus, ein zweiter, kürzerer Spaziergang am Hang, ein Mittagsschlaf, den keiner von uns geplant hatte. Andreas fragte nicht nach meinen Kindern, und ich war ihm dankbar dafür. Nicht weil ich sie verstecken wollte, sondern weil ich zum ersten Mal seit Jahren jemand anderes sein durfte als ihre Mutter.
Um fünf fuhr er mich nach Obertürkheim zur S-Bahn. Am Bahnsteig sagte er: „Das nächste freie Wochenende. Steht das?“
„In zwei Wochen“, sagte ich. „Ich hab's im Kalender.“
„Natürlich hast du das.“
Um halb sieben stand ich vor Thomas' Wohnung in Feuerbach. Emma kam als Erste heraus, das Handy in der Hand, Jonas hinterher, mit einem Raumschiff aus Legosteinen, das er unbedingt heil nach Hause bringen wollte. Thomas musterte mich kurz.
„Du siehst gut aus“, sagte er, und es klang fast wie eine Frage.
„Ich war wandern“, sagte ich.
Im Auto erzählte Jonas von einem Kinofilm, Emma von einer Freundin, die sich mit einer anderen Freundin zerstritten hatte. Und irgendwo am Pragsattel bemerkte ich, dass ich mich nicht schuldig fühlte. Nicht ein bisschen. Ich hatte immer gedacht, das würde kommen, dieses Gefühl, den Kindern etwas weggenommen zu haben. Es kam nicht.
Zu Hause brachte ich sie ins Bett, räumte die Brotdosen für Montag ein und setzte mich mit dem Laptop an den Küchentisch. Im Kalender stand in zwei Wochen ein grüner Balken, von Freitag bis Sonntag. Ich hatte ihn schon vor Monaten eingetragen, mit dem Wort „frei“. Jetzt klickte ich darauf und schrieb dazu: „Uhlbach.“
Sechsundzwanzig Wochenenden im Jahr. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass sie nicht übrig bleiben, sondern mir gehören.







