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Das Codewort heißt Quitte

Nadine, 38 · Frankfurt am Main

Das Codewort war „Quitte“. Ich hatte lange darüber nachgedacht. Es sollte ein Wort sein, das niemand zufällig schreibt, das nicht anzüglich klingt und das ein bisschen nach Frankfurt schmeckt. Meine Großmutter hat im Herbst immer Quittengelee gekocht, in einem Topf, der so groß war, dass ich als Kind hineingepasst hätte. Also Quitte.

„Sie sucht Ihn. Ohne Foto, ohne Namen, ohne Umwege. 38, beruflich zu absoluter Verschwiegenheit verpflichtet, privat eher das Gegenteil von verschlossen – wenn man mich erst mal findet. Suche einen Mann mit Humor, Geduld und Taktgefühl, der Diskretion nicht als Misstrauen versteht, sondern als Einladung. Wer antwortet, beginnt seine Nachricht mit dem Wort Quitte. Alle anderen lese ich nicht.“

Ich arbeite in der Compliance-Abteilung einer Bank. Welche, spielt keine Rolle, und genau darum geht es. Mein Büro liegt im neunundzwanzigsten Stock eines Turms an der Taunusanlage, und mein Job besteht darin, dafür zu sorgen, dass Menschen mit viel Geld keine Dummheiten machen, die in der Zeitung landen. Ich sehe Dinge, die niemand sehen soll. Ich weiß, wer mit wem telefoniert hat. Und ich habe gelernt, dass im Bankenviertel jeder jeden kennt, spätestens über drei Ecken, und dass ein Profilbild auf einer Dating-Seite schneller die Runde macht als eine Ad-hoc-Mitteilung.

Deshalb kein Foto. Deshalb das Codewort. Und deshalb, ehrlich gesagt, seit zwei Jahren auch kaum ein Date.

Von siebenundzwanzig Antworten begannen neun mit „Quitte“. Sechs davon hatten danach nichts Interessantes mehr zu sagen. Zwei wollten sofort ein Foto. Einer schrieb: „Quitte. Ich bin selbst ein bisschen herb, man muss mich erst einkochen. Übersetze beruflich Romane aus dem Portugiesischen, bin 44 und verrate dir gern alles über mich, außer meinem Namen – den heben wir uns auf, bis du mir deinen verrätst. Fair?“

Es war fair. Es war mehr als das.

Zwei Wochen lang schrieben wir uns, ohne Namen. Er unterschrieb mit „Ü.“, ich mit „Q.“. Er erzählte mir von Lissabon, wo er zehn Jahre gelebt hatte, von einem Roman, an dem er seit acht Monaten saß, weil der Autor Sätze schrieb, die im Deutschen einfach nicht enden wollten. Ich erzählte ihm von meiner Arbeit, ohne ein einziges Detail zu nennen, und er fragte nie nach mehr. Stattdessen fragte er, wie sich das anfühlt, immer Geheimnisse zu tragen. Niemand hatte mich das je gefragt.

Unsere Nachrichten wurden länger. Ich las sie in der Mittagspause, nicht in der Kantine, sondern auf einer Bank in der Taunusanlage, das Handy nah am Körper, mit einem Herzklopfen, als würde ich etwas Verbotenes tun. Irgendwann schrieb er: „Ich kenne das Wort für das, was wir hier machen, nur auf Portugiesisch. Es heißt ungefähr: sich jemandem nähern, indem man um ihn herumgeht. Wollen wir aufhören, im Kreis zu gehen?“

Wir verabredeten uns an einem Donnerstag um sieben, in der Mitte des Eisernen Stegs. Ich hatte die Bedingungen festgelegt: Ich komme von der Römerseite, er von Sachsenhausen. Wenn einer von uns den anderen nicht mag, geht er einfach weiter über die Brücke, ohne ein Wort. Er hatte geantwortet: „Einverstanden. Aber ich werde nicht weitergehen.“

Ich hatte mich im Büro umgezogen, Jeans statt Kostüm, die Haare offen statt hochgesteckt. Als ich über den Römerberg lief, kam ich mir vor wie eine Frau in einem Agentenfilm, und ich musste über mich selbst lachen. Auf der Brücke hingen Tausende Liebesschlösser am Geländer, rostig, bunt, mit Namen und Daten. Unter mir der Main, grünbraun und träge, ein Ausflugsschiff legte gerade am Mainkai ab.

Er stand in der Mitte, an das Geländer gelehnt, und las ein Buch. Das hatte er angekündigt: „Ich lese. Wenn du mich nicht magst, merke ich es gar nicht.“ Mittelgroß, dunkles, lockiges Haar mit grauen Fäden, ein Leinenhemd, eine Lesebrille, die er abnahm, als ich vor ihm stehen blieb.

„Quitte?“, fragte er.

„Quitte“, sagte ich.

In genau diesem Moment sah ich über seine Schulter Herrn Brandt aus der Rechtsabteilung auf uns zukommen, mit Frau und Hund, auf dem Weg nach Sachsenhausen. Ich muss blass geworden sein. Der Übersetzer, dessen Namen ich immer noch nicht kannte, sah mein Gesicht, drehte sich eine halbe Sekunde um, drehte sich zurück und begann, mit ausladenden Gesten, auf Portugiesisch auf mich einzureden. Er zeigte auf den Dom, auf das Buch, auf den Fluss, und ich nickte und zeigte irgendwohin, als würde ich einem Touristen den Weg erklären. Herr Brandt ging an uns vorbei, grüßte knapp, der Hund schnupperte an meinem Schuh. Dann waren sie weg.

Ich lachte so sehr, dass ich mich am Geländer festhalten musste.

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„Was hast du ihm eigentlich erzählt?“, fragte ich, als ich wieder Luft bekam.

„Das willst du nicht wissen“, sagte er. „Es war ein Absatz aus dem Roman, an dem ich arbeite. Eine Liebeserklärung an eine Frau, die nie ihren Namen sagt.“

Wir gingen am Museumsufer entlang, am Schaumainkai unter den Platanen, am Städel vorbei, und bogen dann ab nach Alt-Sachsenhausen, in die engen Gassen mit Kopfsteinpflaster. In der Klappergasse spuckte die Frau Rauscher aus ihrem Brunnen einen Wasserstrahl auf den Gehweg, und ich sprang gerade noch rechtzeitig zur Seite. Hier, zwischen Fachwerk und alten Wirtshausschildern, fühlte ich mich unendlich weit weg von den Türmen, obwohl sie auf der anderen Mainseite zum Greifen nah waren.

Er führte mich in eine Apfelweinwirtschaft mit langen Holzbänken, auf denen man zusammenrückt, ob man will oder nicht. Wir teilten uns einen Tisch mit zwei älteren Damen aus Bornheim, die uns ungefragt erklärten, dass Handkäs mit Musik nur mit Kümmel etwas taugt. Der Bembel kam, graublau und schwer, dazu zwei Gerippte. Der Apfelwein war sauer und kalt und genau richtig.

„Darf ich jetzt fragen, wie du heißt?“, sagte er irgendwann, als die Damen gegangen waren.

Ich habe gezögert. Nicht, weil ich ihm misstraute, sondern weil ein Name bei mir mehr ist als ein Name. Mit meinem Namen findet man meine Bank, meine Position, meine Abteilung. Mit meinem Namen gebe ich einen Schlüssel aus der Hand.

„Nadine“, sagte ich schließlich.

„Paul“, sagte er. Dann drehte er sein Handy um, sodass der Bildschirm auf der Tischplatte lag. „Und ich verspreche dir, ich google dich nicht. Wenn du mir etwas erzählen willst, dann erzählst du es mir. So wie in den letzten zwei Wochen.“

Ich glaube, in diesem Moment habe ich mich ein bisschen in ihn verliebt. Nicht in sein Gesicht oder seine Stimme, sondern in diese Geste: ein Handy, das mit dem Display nach unten liegt.

Es wurde spät. Draußen hatte sich die Gasse mit Menschen gefüllt, von irgendwoher kam Musik. Wir gingen Richtung Main, und von der Uferpromenade aus sah man die Skyline, beleuchtet, glänzend, mein eigener Turm irgendwo darunter, mit einem Licht im neunundzwanzigsten Stock, weil jemand vergessen hatte, es auszuschalten.

„Da oben bin ich jemand anders“, sagte ich.

„Und hier?“

„Hier bin ich Q.“

Er lachte leise und nahm meine Hand. Seine Wohnung lag nur ein paar Straßen weiter, in der Nähe der Schweizer Straße, ein Altbau mit schmalem Treppenhaus. Auf dem Weg dorthin blieben wir zweimal stehen, einmal unter einer Laterne, einmal in einem Hauseingang, und beide Male vergaß ich vollkommen, wer uns hätte sehen können.

Oben, in seinem Arbeitszimmer, lagen Stapel von Manuskripten, Wörterbücher, eine halb leere Tasse Kaffee. Er schob die Papiere beiseite, ohne hinzusehen. Ich zog die Tür hinter uns zu. Was dahinter geschah, bleibt, wo es hingehört: unter uns.

Seitdem treffen wir uns jeden Donnerstag. Und manchmal, wenn ich es im Kalender als „externer Termin“ tarnen kann, auch in der Mittagspause: auf einer Bank am Sachsenhäuser Ufer, mit belegten Brötchen aus Papiertüten und dem Rücken zu den Türmen. Er erzählt mir von seinem Roman, ich erzähle ihm nichts von meiner Arbeit, und keiner von uns vermisst etwas. Im Büro weiß niemand Bescheid. Herr Brandt grüßt mich im Aufzug so knapp wie immer. Und in meinem Handy steht Paul bis heute unter „Quitte“.

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